PPP – Fernweh

PunktNachdem ich vor einigen Tagen begonnen habe, meine Bucket-Liste zusammen zu stellen, ist mir dabei schon aufgefallen, dass ich doch sehr fernweh habe.

Fernweh neues zu entdecken oder einfach um altes – lieb gewonnenes wieder zu sehen. So kam es, dass ich viele Orte und Städte gerne sehen möchte. Woher diese Sehnsucht bei mir kommt, kann ich so gar nicht sagen. Vielleicht ist es der Neid, weil ich noch nie so wirklich mal weit weg war, aber andere – wie eine meiner besten Freundinnen aber schon … sie lebt seit Jahren lücklich in Japan. Ich wollte immer weg, ich wollte AU PAIR in den Staaten sein, habe neidisch eine ehemalige Azubine über mehrere Jahre via fb verfolgt, wie sie immer und immer wieder nach Florida ins Disney World zum arbeiten gefahren ist, eine andere Freundin hat Freunde in Holland/Frankreich/USA, … irgendwie will ich das auch. Es ist gar nicht so einfach. Nach meiner Hotelfachausbildung wollte ich eigentlich aufs Schiff für einige Zeit, … so als Saisonkraft hätte ich mich herrlich durch die schönsten Regionen der Welt tingeln sehen wollen.

Und was mache ich stattdessen?

Ich sitze mit 3 Kindern und dem GöGa in Berlin, welches ich noch nicht einmal richtig kenne. Gehe einfach nur arbeiten – mein Job macht Spaß, aber er frisst mich auch ein wenig auf. Für richtig tollen Urlaub fehlt meist die Kraft und das nötige Kleingeld. Vielleicht ist das der Grund um fernweh zu bekommen.

Ich will hier weg, ich will raus, ich mag das so alles irgendwie nicht, wie es ist.

Bei der Suche nach Orten, die ich gerne mal wieder besuchen möchte, kam Sibai raus. Sibai ist eine Kleinstadt in Baschkortostan (Russland), am Fuße des Ural Gebirges. In meinen Erinnerungen brauchten wir immer 3 Tage um von Berlin dorthin zu gelangen, wo meine Mama aufgewachsen ist. Von Berlin ging es mit einem Flieger nach Moskau, dort mussten wir in 2 Stunden vom einen Flughafen zum anderen kommen. Danach ging es in eine kleine Maschine nach Ufa. Von Ufa aus mit einer Propellermaschine nach Magnitogorsk. Dort stiegen wir dann in einen Zug um, der uns bis nach Sibai brachte.

sibai

Ich erinnere mich an das kleine Holzhaus am Rande der Stadt, wo meine Oma Amina zusammen mit Katzen und ihrem Sohn Rafkat lebte. Es gab kein fließend Wasser. Wir mussten stets sehr sparsam sein und hatten einen Wasserspender. Auf Toilette mussten wir nach draußen in ein Plumpsklohäuschen. Im Garten gab es Erdbeeren und Kartoffeln, die Katze hieß Malischka und hatte 3 Kinder Burschistik, Piratik und Malischka … ich hab sie mit meiner Schwester damals doch ein wenig gequält (sie wollten immer weg und wir haben sie festgehalten). Auf Rafkats Moped haben wir oft gespielt, … eines Sommers habe ich mir einen linken Unterschenkel am Auspuff verbrannt – damit war dann das Baden gehen vorbei. Bei den Nachbarn durfte ich stets Milch melken … die war dann leider zur Hälfte schon leer, bis wir sie zu Hause hatten – lecker. Einmal sind Gänse und Hühner ausgebrochen und die ganze Dorfstraße war in Bewegung um sie wieder einzufangen. Mein Lieblingsonkel Rafkat hat Tattoos am ganzen Körper, er hat uns immer in mehreren Fahrten zu einem See gebracht. Dort konnten wir schwimmen und Sandburgen bauen – einmal schwamm er bis ans andere Ufer und ich habe geheult wie ein Schlosshund, weil er so ewig nicht wieder gekommen ist.

Im Garten Nahe des Sees war immer viel zu tun, … Himbeeren mussten abgesammelt werden, Kartoffelkäfer mussten entfernt werden – in eine ekelhafte stinkende Brühe -, …

Ich weiß noch genau, wie Oma gekocht hat … der Geschmack blieb mir bislang vergönnt. Ich liebe Dill und ich liebe die russische Küche. Wenn ich nicht essen wollte oder nichts verstanden habe (ich spreche leider gar kein russisch), dann hat sie immer „Ascha ascha!“ gesagt, was so viel bedeutet wie „Nun iss Kind!“

Meine Oma war Muslimin, aber eine nicht strenge, die uns einfach so sein ließ, wie wir sind. Ich erinnere mich noch an ihr rotes Halstuch, … dieses besitzt nun meine Mama, da meine Omi vor einigen Jahren verstorben ist.

Allein beim Anblick der Straßenkarte fielen mir wieder so viele kleine Geschichten ein und ich bereue es sehr, dass es nur ganz wenige Bilder gibt, die die Reisen dorthin dokumentieren.

gesammelt werden die PPP’s bei Sunnysignature

Advertisements

17 Kommentare zu “PPP – Fernweh

  1. Das ist aber ein sehr persönliches Fernweh, das du da beschreibst. Und deshalb ist es vielleicht um so sehnsuchtsvoller als das Standardfernweh nach Palmestränden und Meer, das einem immer zuerst einfällt. Da du ja doch eine recht junge Mutter bist, die sich jetzt im Alltagstrott gefangen fühlt, findest du sicher Gelegenheit zum Herumkommen, wenn deine Kinder groß sind und dich nicht mehr so brauchen. Nicht aufgeben und einfach weiter träumen.
    LG Iris

    Gefällt 1 Person

    • Hatte sie, … bis zum 3. Lebensjahr habe ich nur russisch gesprochen, dann kam ich in die Kita und sollte nur noch deutsch sprechen … damit hab ich alles vergessen. Mit der 3. Klasse bin ich dann in eine R-Klasse in der DDR gegangen, ohne Erfolg und dann in der Waldorfschule habe ich auch nicht viel lernen können … ich verstehe es, wenn man sich russisch unterhält, aber ich habe eine totale Sprachblockade – leider, … zweisprachig ist echt leichter aufzuwachsen

      Gefällt 1 Person

      • Naja, viele Eltern haben Angst, ihr Kind würde beide Sprachen nicht richtig lernen, wenn sie es zweisprachig erziehen, aber das ist Nonsense. Kinder können das. Wir später haben da mehr Probleme mit dem Durcheinanderwerfen. Ich bin auch nur einsprachig aufgewachsen und beneide die, die muttersprachlich ZWEI Sprachen lernen konnten.

        Gefällt mir

  2. Hallo Winnie,

    Du beschreibst ein sehr schönes, persönliches und auch wehmütiges Fernweh. Eine der Szenen konnte ich nahezu deutlich vor Augen sehen. Deine Zeit dein Fernweh zu stillen kommt sicher noch. Ich bin da bei Iris keep ob dreaming. Schön mal wieder einen Beitrag von dir dabei zu haben. Besonders wenn man bedenkt, wie viel du um die Ohren hast ❤️.

    Liebe Grüße
    Sandra

    Gefällt 1 Person

  3. Liebe Winnie,
    Danke Dir für diesen überaus persönlichen Beitrag. Du hast das alles so bildlich, so realistisch, so einfühlsam beschrieben. Deine Gedanken und Gefühle sind dadurch auch für mich nachvollziehbar.
    Aus eigener Erfahrung möchte ich zu allem, was Du ge-und beschrieben hast nur anmerken, freue Dich über diese Erinnerungen, halte das, was Du hast wert, denn es ist wertvoll und versuche, die positiven Seiten zu stärken. Das gibt Dir nicht nur Kraft sondern auch das Gefühl, auf das was und wie Du bist, wie Du lebst, stolz sein zu können und zu dürfen!
    Dein jetziges Leben ist reich, vergiss das bitte nicht.

    Sorry für diese persönlichen Worte, obwohl wir uns ja nicht real kennen. Ich wollte Dir in keinster Weise zu nahe treten. Es ist nur so, dass ich wirklich nachempfinden kann, wie Du fühlst und ich weiß heute, wie gut diese gelebte Zeit, trotz aller unerfüllten Sehnsüchte, war.

    Herzliche Grüße
    moni

    Gefällt 1 Person

    • Danke,
      du bist mir in keinster Weise zu nahe getreten und ich habe mich zum ersten Mal in meiner Bloggerkarriere nicht zurück gehalten. Sonst überdenke ich jeden Satz nochmals und nochmals und es wird ein unpersönlicher Post dann draus. Es tat sehr gut, all diese Dinge einmal aufzuschreiben … danke für das tolle feedback ❤

      Gefällt 1 Person

  4. Danke für diesen wirklich schönen Beitrag und dafür, dass du deine Kindheitserinnerungen mit uns teilst. So ein ländliches Idyll kann eine der schönsten Kindheitserinnerungen sein. Ich kann gut verstehen, dass es dich an diesen Ort zieht. Oder an einen anderen – Fernweh ist eigentlich nie an einen bestimmten Ort gekoppelt. Es sei denn, es handelt sich um eine Gegend, in der man sich nachweislich wohl fühlt.
    Eine Frage habe ich noch: Gibt es im Ural viele Muslime? Ich dachte, die sind eher so in Richtung Usbekistan zu Hause.
    LG Sabienes

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Sabine, ich weiß es gar nicht so genau, … als meine Mama mir das damals sagte, war ich auch sehr erstaunt. Vielleicht liegt es dran, das meine Oma im Krieg als Findelkind aufgegriffen wurde, man ihr Alter nur schätzte und sie dann in einer Pflegefamilie aufgewachsen war. Aber meine Oma und meine Mama sehen schon sehr mongolisch aus, … ich weiß es nicht, aber Muslime gibt es ja unterdessen überall auf der Welt 🙂

      Gefällt mir

  5. Liebe Winnie,

    danke für die sehr persönlichen Gedanken, welche Du mit uns geteilt hast! Kindheitserinnerungen sind pures Lebensgold und dürfen nicht in Vergessenheit geraten. Daher ist es sehr gut ihnen Raum zu geben und in ihnen zu schwelgen.
    Du wirst Dir Deine Träume, also diese Reise an einen so wichtigen Ort Deiner Vergangenheit sowie viele andere auf Deiner Löffelliste, erfüllen können. Manche früher, manche später.
    Vielleicht jedoch wird es mit einigen auch nicht ganz klappen. Aber das ist gut so, denn dann hast Du immer ein Ziel in Deinem Leben, etwas nach dem Du streben kannst! So etwas hält uns wach und am Leben. Und was wäre ein Leben ohne Träume? 😉

    Viele liebe Grüße und einen schönen Start in die neue Woche
    AnDi

    Gefällt 1 Person

  6. Ja, dass Du nach diesem Ort eine Sehnsucht verspürst, das ist wohl so. Schließlich hast Du dort Zeit mit lieben Menschen verbracht. Und Beziehungen sind ohnehin das, was uns als Menschen prägt, was wir brauchen und was uns durch das Leben trägt. Ich wünsche Dir viel Glück 🙂

    Gefällt 1 Person

  7. Oh,das ist eine wirklich sehr persönliche Fernweh-geschichte. Aber hat sie nicht eher mit Heimweh zu tun? Heim, das ist doch dort, wo wir uns wohl fühlen, Kind waren. Heim, das sind Gerüche, Sommertage und Unbeschwertheit, Essen und Menschen.
    Ich wünsche Dir, dass Du Deinen Kindern eines Tages Sibai zeigen kannst. Vielleicht könnt Ihr ja ab Moskau mit dem Zug fahren? Die Fernzüge in Russland sind auf Mehr-Tages-Reisen eingestellt, in der 2. Klasse bequem und wenn man die Tickets nicht über deutsche Reisebüros bucht, sehr preiswert. Wenn man sie in UK bucht, bekommt man zu jedem Ticket sogar eine Übersetzung ins Englische, dass die Reise auch für nicht Russisch Sprechende möglich macht. Und überhaupt ist die ganze Abwicklung da in englisch.
    Was Urlaube überhaupt betrifft… Wenn Du sagst, Dir fehlt die Kraft, zeigt das, wie dringend Du Urlaub brauchst.Ich war alleinerziehend mit zwei Kindern, da fehlte auch immer das Geld. Aber irgendwas preiswertes haben wir immer gefunden und es tat uns allen gut, sowohl die Vorfreude, die sich bei der Suche nach Möglichkeiten einstellte, als auch der Urlaub selbst.
    LG, Inch

    Gefällt 1 Person

Wenn du was zu sagen hast, dann ist hier Platz dafür!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s